Delamar-Podcast: Nils Kolonko spricht über die Musikindustrie

Delamar bringt einen Podcast mit einem Interview mit Nils Kolonko, der aus erster Hand seine Erfahrungen in der Musikbranche preisgibt. Interessant ist, dass Nils viele Aspekte der Musikbranche aus der Sicht eines Labelmitarbeiters sieht, obgleich er sich selbst auch als (erfolgloser) Musiker ausgibt. Im Großen und Ganzen kommen er und ich aber auf ähnliche Schlussfolgerungen, auf die ich hier eingehen will. Es sei dazu gesagt, dass ich im zweiten Teil dieses Blogs (der nach der Ist-Situation folgen wird) mehr auf die Dinge einegehen werde, die man tun muss, um als Künstler erfolgreich zu sein. Also ein kleiner Vorgriff hier.

Nils‘ Kernaussagen aus dem Podcast:

„Du brauchst ein Team“

Und ich würde hinzufügen: Du brauchst ein gutes Team. Das Problem ist nicht, sich ein Team zusammenstellen, sondern das richtige Team, das ebenso motiviert ist wie man selbst und die nötige Erfahrung in seinem Bereich hat. Beides zusammen ist schwer zu finden, wie wir in diesem Blog noch an diversen Stellen sehen werden.

„Schaffe innovative Inhalte“

Amen. Wer abkupfert, wird nicht weit kommen. Das ist absolut wahr. Das müsste man auch mal den Labels sagen. Oftmals aus Angst vor dem Risiko setzen nämlich die Labels selbst oftmals auf „bewährte Konzepte“, sprich, Kopien von anderen Bands. Erst letzte Woche musste ich mit ansehen, wie von einem Major Label in Auftrag gegeben wurde, einen Nummer Eins Hit einer anderen Band zu recyclen und als Single des neuen Künstlers zu vermarkten. Auf der anderen Seite habe ich sehr innovative Musik den Bach runtergehen sehen, weil das Label Angst vor Neuem hatte. Ich kann nicht behaupten, dass das Schaffen von innovativen Inhalten immer von Major Labels gefördert wird.

„Liefere eine Top-Qualität“

Das versteht sich meiner Meinung nach von selbst. Mir ist aber auch bewusst, dass nicht allen Künstlern das klar ist. Viele Künstler bewegen sich in einem anderen Vergleichsrahmen als etwa ein Produktmanager eines Majors, der jeden Tag Demos zugeschickt bekommt. Und darüber hinaus ist zu definieren, was „Top-Qualität“ eigentlich bedeutet. Bei Musikproduktionen ist das relativ klar. Aber „Top-Qualität“ muss sich auch auf andere Bereiche beziehen: Stil, Auftreten und Verhalten des Künstlers. Und da lässt sich das nicht mehr so leicht beschreiben.

„Ohne Kontinuität geht nicht viel“

Definitiv. Es scheint so, als ob sehr viele Künstler nur sehr kurzweilig an einer Sache dranbleiben. (Das weiß Nils bestimmt besser als ich.) Die eigene Motivation spielt hier eine große Rolle. Sich auch gegen Widerstände durchzusetzen und auch bei Absagen trotzdem dranzubleiben. Ja, ja und ja. Zu Verteidigung der Musiker muss ich allerdings feststellen, dass es die Leute in der Branche nicht sehr leicht machen, die eigene Motivation aufrecht zu erhalten. Wer Details will, lese einfach weiter in diesem Blog.

„Man muss auch Unternehmer sein“

Das ist absolut richtig. Wer denkt, die organisatorischen Dinge könne jemand anderes tun, wird nicht weit kommen. Nils erwähnt sogar Künstler, die nach der ersten erfolgreichen Single denken, sie können sich nun von den unternehmerischen Dingen zurückziehen und das andere machen lassen und dadurch schnell in Vergessenheit geraten. Das hängt aus meiner Sicht natürlich auch mit dem Team und der Motivation zusammen. Man kann nie damit rechnen, dass die anderen Leute im Team dieselbe Motivation und Arbeit an den Tag legen, die man selbst mitbringen würde. Also muss man diese Dinge selbst tun.

„An Geldmangel ist noch kein erfolgreicher Musiker gescheitert“

Viele Musiker können nicht mit Geld umgehen und setzen die Prioritäten oft falsch. Man beklagt sich, dass man kein Geld für die Musik hat, aber die Handyrechnung ist gigantisch, weil man ständig mit der Freundin im Ausland telefoniert. Ich habe sogar Musiker getroffen, deren Vorschuss schon weg war, bevor sie den Vertrag überhaupt unterschrieben hatten. Geld verdienen, reinvestieren, sollte die Devise lauten. In was genau man investieren soll, wird dem Künstler aber auch nicht immer richtig vermittelt. Also nochmal: Man muss selbst Unternehmer sein.

„Ohne das richtige Produkt helfen auch keine Kontakte“

Siehe „Schaffe innovative Inhalte“.

Es wurden noch ein paar interessante Fakten erwähnt (die ich auch teilweise schon erwähnt habe):

  • Heutzutage ist ein Vorschuss von 40.000 EUR für einen Newcomer Wunschdenken. Das wird es kaum noch geben.
  • Auf Platz eins kommt man mit etwa 10.000 verkauften (und registrierten) Singles pro Woche.
  • Die Branche ist vom Umsatz her so klein, dass selbst bei Betrachtung der gesamten Musikindustrie noch nicht einmal ein Teil des Umsatzes der Daimler AG erreicht werden kann. (Hinweis: Die Automobilbranche ist die umsatzstärkste Banche Deutschlands.)

Und es wurde über die Zukunft der Musikindustrie gesprochen:

„Musik umsonst verbreiten, Geld mit Konzerten verdienen“

Dies ist das gängige und im Internet am weitesten verbreitete Argument, das auch in diesem Podcast wieder aufgewärmt wurde. Mag sein, dass das für Nine Inch Nails funktioniert, die sich schon vor dem Niedergang der Branche einen Namen machen konnten. Aber ein Newcomer wid nur wenig bis gar kein Geld durch Gagen verdienen können. Die Kosten sind hoch, und die Veranstalter zahlen kein Geld für unbekannte Bands. Siehe dazu auch meine kommenden Beiträge zu Veranstaltern und Booking Agenturen.

„Mehrwert schaffen“

Unklar blieb, aus was dieser Mehrwert bestehen sollte. „Addons“ wie spezielle CDs mit Multimediainhalten oder tollen Booklets haben nachweislich nicht funktioniert. (Anmerkung: Was bekomme ich mit einer solchen CD, was ich nicht auch im Internet bekomme außer dem Anfass-Faktor?) Es ist eher so, dass die Konsumenten hoch komprimierte MP3s und kleien Youtube-Videos wollen. Es besteht kein Interesse an besserer Qualität. Das Nine Inch Nails Mehrwert-Modell, das in diese Richtung geht, ist für Newcomer sicherlich untragbar.

Die Diskussion ging noch ein bisschen in Richtung Verkaufen und Diebstahl von Musik. Wie der Rest der Branche ist auch Nils der Meinung, dass Konsumenten für Musik zahlen sollten. Der Vegleich mit materiellen Dingen hinkt zwar stark (wenn ich Musik kopiere, ist mir nicht unmittelbar klar, dass jemand anderem etwas fehlt), aber Nils hofft trotzdem auf eine Renaissance der Moral. Meiner Meinung nach haben Konsumenten ein Verständnisproblem beim Thema Urheberrecht, was ich nachvollziehen kann. Unsere Vorfahren in der Wildnis hatten es immer mit greifbaren Dingen zu tun. Dass jemand etwas, das man nicht anfassen kann, im Kern also lediglich eine Idee oder in diesem Fall eine bestimmte Reihe von Schwingungen der Luft, für sich beanspruchen kann, ist etwas Neues. Aus meiner Sicht wird sich hier nichts mehr zurückverändern. Man kann die „Droge Musik“ verbieten und Dealer und Junkies verhaften. Oder man gibt sie in kontrollierter Form heraus.

Hier geht’s zum Podcast.

Nils‘ Seite: bandologie.de

10 Gedanken zu “Delamar-Podcast: Nils Kolonko spricht über die Musikindustrie

  1. Was mir bei der ganzen Diskussion fehlt ist der Punkt das früher Bands aufgebaut wurden. Wenn heute nicht mal mehr Vorschüsse gezahlt werden,
    kann doch kein Künstler mehr etwas anleiern. Offen blieb die Frage, wenn Plattten firmen kein Geld mehr riskieren, wer bezahlt die zig hunderttausenden von Euro um einen Künstler bekannt zu machen. Keine gibt Antwort darauf. Wer entscheidet was ein tolles Produkt ist. Nils redet unglaublich intelligent und von einem tollen Produkt das man haben muss und was kommt da nächste Woche in die Charts . Lady Gaga mit Poa Poa Poa Poa Poa Poa Poa Poa Poa Pokerface.
    Das zum tollen Produkt. Und die Leute die genau wisse das sie den Song drei Wochen toll finden sagen sich, das sie sich lieber den Song klauen als bezahlen, da er ja nur jetzt grad mal toll zu sein scheint.

    • Absolut. Das bekommen viele ja nicht mit. Es gibt eine ganze Reihe von Künstlern, die all diese Bedingungen erfüllen und trotzdem nicht bekannt werden, weil (a) die Plattenfirma nicht investiert, (b) weil sie kein Durchhaltevermögen hat oder (c) weil sie schlichtweg die Promotion vermasselt. Alles bereits gesehen.

    • Klaus Lage ist, so wie ich meine zu wissen, einer der schon einen 5 Jahres Plattenvertrag in der Tasche hatte als er mit „1000 mal berührt“ bekannt wurde. Bei der dritten Platte hat es geklappt. „Take That“ wurde 8 Jahre lang geplant und dann durchgeführt. Tina Turner hat nach ihrer eigenen Aussage 4 Jahre fur Private Dancer gearbeitet. Meiner Meinung nach gibt keine Krise. Geld ist da ohne Ende !! Die Plattenfirmen jammern nur weil sie ihr Monopol verlieren, das ist alles. Wer verliert schon gerne die komplette Macht. Damals gab es die Kassette. Da ist doch den Plattenfirmen auch welteit tierisch viel Kohle durch die Lappen gegangen, nur da hat noch keinen gestört, da noch die Kasse klingelte.

  2. Ich kenne niemanden, der heute von irgendeiner Plattenfirma noch in dieser Form und über einen solchen Zeitraum gefördert wird. Mit einem aktuellen Beispiel lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen.

    • Das ist doch die ganze Fehlentwicklung die passiert ist. Ich kenne auch keinen.Herr Lage hat jetzt sein 24 Album rausgebracht. Ich glaube das spricht für sich, was richtig wäre.
      Mein Frage bezüglich der hunderttausenden von Euro ist aber leider immer noch nicht beantwortet.

  3. Hmm, ich habe da kein Fragezeichen gesehen… Verstehe ich das richtig, dass es um zwei Fragen geht? (A) Ist denn nicht noch genügend Geld da, um langfristig in Künstler zu investieren? (B) Haben die Major Labels sich ihr Problem selbst eingebrockt, weil sie nicht mehr langfristig in Künstler investiert haben? Dass die Labels weniger Geld haben als vorher, ist unbestritten. Würde es noch für langfristige Investitionen reichen? Ich denke ja. Wenn man anders wirtschaften würde. Keine Musikvideos für 20.000 EUR, keine Fotoshootings an der Côte d’Azur, keine Produktionen in LA, die nicht genau so gut auch in Deutschland stattfinden könnten, keine vierteljährlichen Firmenumstrukturierungen, weniger Partys (der Ausfall der Popkomm dieses Jahr tut denen sicherlich gut). Aber ich glaube, das wird dennoch nicht passieren. Die Konzerne, zu denen die Labels gehören, drängen auf schnelle Erfolge. Shareholder Value. Sinkt der Umsatz, steigen die Erwartungen. Zu (B): Teilweise bestimmt. Wie viele reine Newcomer aus Deutschland, die nicht schon anderweitig bekannt waren, konnten die Labels in den letzten drei Jahren etablieren und in die Top 10 bringen? Die kann man an einer Hand abzählen. Aber ich glaube, diese Kurzsichtigkeit ist eine Reaktion auf die schwindenden Umsätze, nicht deren Auslöser. Sie macht das Problem schlimmer, ist aber nicht die alleinige Ursache.

  4. Es ist unwahrscheinlich das sich etwas ändert, aber jeder geht zum Brunnen bis er bricht. Die Musikindustrie wird das natürlich auch tun, dann
    schauen wir mal weiter.
    Vielen Dank für deine Zeit und Geduld zu allem Stellung zu nehmen.

  5. Also das Sprichwort mit dem Brunnen und ja eigentlich dem Krug, anstatt des Menschen, finde ich in diesem Zusammenhang sehr genial, vor allem, weil das „bricht“ eine Doppeldeutigkeit erhält. Ich modelliere es mal zu folgendem: „Der Mensch geht solange in den Plattenladen bis er bricht!“ (cracx)😉 Die Musikindustrie macht eine gute Miene zum bösen Spiel und präsentiert sich mit ihrem Pi Pa Pokerface… Alles was in ist, wird aufgegriffen und solange durchgeschüttelt, bis es einem zum Halse raushängt. Ich war neulich kurz davor, einen Spendenaufruf zu machen und zwar für alle kommerzdirigierten Radiosender, mit der angeblich besten Mischung. Es scheint so, als würden diese nur die Top20 CD unterm Schreibtisch liegen haben und im 2-Stunden Rythmus wiederholen. Radio ist seit Jahren daher Tabu bei mir. Auch hier greife ich auf Webradios zurück, bei denen ich das hören kann, was ich will und nicht was DIE wollen. Bei diesem „Kurzzeitverramschen“ von Acts und Musik darf sich natürlich auch niemand über das Verhalten der Konsumenten wundern. Es ist zwar schade, dass das Empfinden für Urheberrechte so gut wie verschwunden ist, aber mir fällt da leider zur Zeit auch keine zukunftsweisende Lösung ein. Ob die Musikindustrie nunmehr noch über horrende Gelder verfügt, kann ich auch nicht sagen. Für mich steht aber fest, dass diese Gelder in expoentiellem Maße abnehmen werden. Ich empfehle der Musikindustrie und den großen Labels eventuell noch auf den „Anruf-Gewinnspiel Zug“ aufzuspringen. Nur 50 Cent aus dem deutschen Festnetz für blöde Antworten auf ebenso blöde Fragen…. Google Ads bringen da nicht so viel ein, um das aus einem anderen Artikel von Dir nochmal aufzugreifen. (=

  6. Musikbusiness: Wie Musiker erfolgreich werden…

    Bei delmar.tv findet man einen äusserst interessanten Podcast zum Thema “Musikbusiness, Bandologie und wie man seine Band zum Erfolg führt” mit Nils Kolonko. Dabei gibt es immer wieder einige Punkte, die in Vergessenheit geraten und gerade …

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