Abhängigkeiten und 1:n-Beziehungen

AbhängigkeitenDer Wahrheit über den Verträge in die Musikbusiness: „Wenn du nicht unabhängig bist, bist du abhängig.“ Viele Musiker sehen in Verträgen oft ihren Einstieg in das Musikbusiness. Verträge sind verbindlich, das Wort „Vertrag“ klingt schon professionell und schließlich kann man ab sofort sagen: „Wir sind bei XY unter Vertrag.“ Je weniger Verträge man hat, allerdings, desto besser. Warum?

Verträge gibt es überall

Jeder in der Musikbranche, der irgendetwas auf sich hält, nimmt Künstler unter Vertrag. Selbst der kleine Tonstudiobastler aus Bad Mergentheim bietet der Schulband, die bei ihm aufnehmen, an, sie unter Vertrag zu nehmen. Er hat Kontakte, er kennt wichtige Leute. Er kann die Band groß machen. Oder zumindest denjenigen vorstellen, die sie dann groß machen. Und: Wenn die Band bei ihm unter Vertrag ist, kann sie auch mit ihm umsonst im Tonstudio aufnehmen.

Oder der Manager. Er kann gut reden, dieser Typ. Die Band fühlt sich geschmeichelt, wenn er spricht. Er kennt diesen und jenen anderen einflussreichen Menschen. All die Namen, die die Band nicht kennt, die aber wichtig klingen. Mag sein, dass das nur der Praktikant bei Universal ist, der dort nur Kaffee kocht, aber das kann ja keiner wissen. Ein Manager muss aber investieren, denn durch die Band kann er noch kein Geld verdienen. Also muss ein Vertrag her, der ihm zumindest seinen Anteil sichert, wenn es dann richtig los geht.

Ob Verlag, Promotionfirma, Booker oder Produzent, alle bieten sie Verträge an. Schließlich wollen sie alle dabei sein, wenn irgendeine Art von Erfolg eintritt. Aber wie können sie das? Müssen sie nicht auch etwas leisten?

Verträge sind einseitig

Fakt ist: Die Verträge in der Musikbranche sind immer einseitig. Der Künstler muss leisten. Der Vertragspartner darf leisten. Muss aber nicht. Ein Verlag muss nicht für Veröffentlichungen sorgen. Eine Plattenfirma muss kein Album rausbringen. Sie muss auch nicht den Künstler promoten. Ein Manager muss nichts organisieren. Der Künstler muss jedoch Songs liefern. In regelmäßigen Abständen, fast immer jahrelang. Er muss immer abrufbereit sein. Oft genug das tun, was ihm gesagt wird.

Der einzige Punkt, in dem der Vertragspartner des Künstlers festgelegt werden kann, sind die Vorschüsse. Die müssen bezahlt werden. Das Problem ist nur: Vorschüsse sind heutzutage kaum noch der Rede wert. Die Beträge sind im Keller. Und selbst wenn sie das noch nicht wären: All die Künstler, die nie ihr Album veröffentlicht haben, haben alle ihren Vorschuss erhalten. Die Plattenfirma hat das abgeschrieben. Mehr ist nicht passiert. Kein Album. Keine Promotion. Ein bisschen Geld und ein paar verlorene Jahre. Warum sollte man einen Vertrag unterschreiben, wenn man nur leisten muss, dafür aber nichts Handfestes bekommt? Dafür könnt Ihr auch zu mir kommen. Ich verteile leere Versprechen gerne auch umsonst.

1:n-Beziehungen

Es ist wichtig zu wissen, dass das Machtverhältnis zwischen Künstler und Industrie immer unausgeglichen ist. Das liegt an der Exklusivität, die nur in eine Richtung geht. Eine Plattenfirma, ein Manager, ein Produzent, ein Verlag, eigentlich alle dürfen so viele Künstler unter Vertrag nehmen wie sie möchten. Ein Künstler darf aber immer nur bei einer Plattenfirma sein, einen Manager haben, einen Verlag und oft nur einen Produzenten. Ohne diese Klauseln finden keine Verträge statt. Die Argumentation ist klar: Man möchte den Künstler nicht mit anderen teilen und praktisch sei das ja gar nicht machbar. Aber ist das fair?

Die Musikindustrie arbeitet nämlich nach dem Prinzip Risikostreuung: Viele Künstler unter Vertrag nehmen, von denen die meisten sowieso floppen. Der eine Erfolg jedoch bezahlt dann die Aufwände. Der Künstler kann das jedoch nicht. Er ist vertraglich nur an diesen einen Partner gebunden. Mit dem muss es dann passieren. Risikostreuung ist für Künstler nicht möglich. Entweder es klappt oder man geht mit dem Vertragspartner unter.

In Wirklichkeit ist es sogar so, dass die meisten Vertragspartner nicht wirklich aktiv am Erfolg des Künstlers arbeiten, sondern nur hoffen, dass der Erfolg eines Künstlers durch Zufall oder durch die Arbeit eines anderen Vertragspartners eintritt. Der Verlag schaut auf die Plattenfirma, die Plattenfirma auf den Booker, der Booker auf das Management usw. Je mehr Künstler man unter Vertrag nimmt, desto größer ist die Chance, dass ein solcher Erfolg dabei ist. Und wenn der eintritt, möchte man natürlich absahnen.

Tritt dieser nicht ein, stirbt der Künstler einen langen, furchtbaren Hungertod. Die Vertragspartner warten jeweils, dass der andere etwas tut. Die Vertragslaufzeiten sind meist lang. Und der Künstler kann nichts dagegen tun. Ich habe viele Bands „verhungern“ sehen.

Verlagsverträge

Das Urheberrecht ist die Währung des Künstlers. Trotz P2P und Creative Commons fließt im Bereich des Urheberrechts noch viel Geld. Da verwundert es nicht, dass jeder schnell einen Verlagsvertrag mit dem Künstler abschließen will. Denn im Gegensatz zu anderen Verträgen kann der Künstler dann trotzdem noch weiterarbeiten. Er hat dann lediglich 40% seiner GEMA-Einnahmen abgegeben. Was bekommt er dafür? Versprochen werden ihm Veröffentlichungen, seine Songs in Werbespots und die Verwaltung seiner Einnahmen. Das alles ist natürlich keine Pflicht (siehe oben) und faktisch findet das dann auch nicht statt (bei Madonna vielleicht, aber nicht bei dem Newcomer aus Bad Mergentheim). Interessant ist das also lediglich wegen des Vorschusses. In letzter Zeit wollen die Major Verlage den Vorschuss aber gerne rückzahlbar machen, um das Risiko an den Künstler abzutreten. Dann ist das aber nichts anderes als ein Kredit. Mit 40% Zinsen. Dann sollte man doch lieber zur Bank gehen. Da bekommt man bessere Konditionen.

Die Manager, Produzenten, Promoter usw. haben fast alle eine Edition bei einem großen Verlag (man wirbt mit den großen Namen „Sony“, „EMI“ usw.) und machen mit Handkuss einen Verlagsvertrag mit den Künstlern. Man sollte sich aber immer fragen, warum man mit einem Manager einen Verlagsvertrag abschließen sollte. Er ist der Manager. Nicht der Verlag.

Nach all meinen schlechten Erfahrungen mit Verlagsverträgen würde ich heute keinen Verlagsvertrag mehr abschließen. Bei einer Million Euro nicht rückzahlbaren Vorschuss vielleicht ja. Sonst nicht. Die GEMA-Abrechnungen, die ich bekommen habe, waren schön. Ich hätte nur ungern 40% davon abgegeben.

Unwissenheit der Musiker

Leider sind den meisten Musikern Verträge egal. Das ist Business und davon verstehen sie doch zu wenig. Oder wollen nichts davon wissen. Dass die falschen Verträge (oder zu viele davon) das qualvolle Ende ihrer Karriere sein k;nnen, scheint ihnen nicht bewusst zu sein. Also hier nochmal der Aufruf an alle Musiker: Überlegt euch ganz genau, was Ihr unterschreibt. Im Zweifel lieber nicht unterschreiben. Und wie bereits erwähnt: Sucht Euch auf jeden Fall einen guten Anwalt aus der Branche. Auch wenn der Geld kostet. Es zahlt sich immer aus!

12 Gedanken zu “Abhängigkeiten und 1:n-Beziehungen

  1. Okay, die Verlage wollen also die Songs in Werbung und Medien platzieren. Aber sollten das nicht die Promoter oder meinetwegen auch der Manager machen?
    Und Veröffentlichung: entscheidet das die Plattenfirma nicht imermnoch selber?

    Das heißt letztlich ist der Verlag sowas wie ein zweiter Promoter/Manager in Personalunion, nur mit sehr geringen Kompetenzen und letztlich irgendwie völlig überflüssig und kassiert ne Menge Geld dafür? Ganz schön bekloppt.

    • Verlage sorgen für Veröffentlichungen von Kompositionen. Promoter versuchen, die Masse mit der Musik zu erreichen. Beides geschieht u.a. über Werbung, aber auf andere Art: Promoter kaufen z.B. Werbung ein („Das neue Album! Jetzt im Laden!“). Das machen die Verlage im Normalfall nicht. Verlage sprechen – theoretisch – mit Werbern, die ihren Clip mit der Musik unterlegen (z.B. Jose Gonzalez in der Sony Bravia Werbung). Das machen wiederum die Promoter nicht.

      Der reine Manager macht nichts von alledem, sondern koordiniert die alle. Da die aber in Wirklichkeit nicht viel tun bzw. nur wenig zustande bringen, übernimmt ein guter Manager diese Tätigkeiten oft selbst.

      Manche Verlage wollten mir erzählen, sie helfen auch bei der Promotion. Ich habe das aber nie gesehen. Und managen tun sie nicht.

  2. Guter Artikel, ich mag deinen Schreibstil, poiniert ohne unangenehme Bitterkeit. Ich mache mir aus anderer Perspektive immer wieder Gedanken über die Zukunft der Musikbranche und frage mich zunehmend nach dem Sinn der alten Strukturen (wir entwickeln Marketingkonzepte mit Musik-Kooperationen) – ich habe immer wieder den Eindruck, dass die Bindungen an Label / Verlage die Musiker tatsächlich eher hemmen als fördern. Unsere These ist, dass wir zunehmend Koalitionen erleben werden, die früher undenkbar waren, da z.B. Marken mit ihrer Kommunikation Reichweiten bieten, die ein Label oder Promoter gar nicht mehr finanzieren kann. Wozu also noch ein Label, wieso nicht andere Partner? Wieso nicht einen befreundeten Anwalt beteiligen, der sich engagiert um die Urheberrechte kümmert? etc.
    Leider habe ich kein Kontaktfeld gefunden, vielleicht macht es Sinn, den einen oder anderen Gedanken gemeinsam weiterzuverfolgen und zu publizieren, sei es hier oder bei uns: http://www.lautstark-blog.de oder auch bei den Freunden von myoon.de.
    Bestes
    Peter

    • Ich kenne tatsächlich ein paar Nicht-Label-Leute in der Branche, die schon so denken. Sie verbringen die meiste Zeit damit, Partner aus anderen Industrien dazu zu bringen, die Musik ihrer Künstler in ihre Kampagnen einzubauen. Kooperationen mit Mercedes-Benz oder Langnese. Das funktioniert teilweise sehr gut und könnte für die Zukunft tatsächlich ausbaufähig sein. Es gibt nur wenige Leute momentan, die da wirklich proaktiv sind.

  3. Hi,

    aber es gibt auch kleinere, gute und stabile Verlage …vorallem die kleineren machen noch was für Ihre Künstler!

    Lg

    • Ich kenne leider nicht so viele Indie-Verträge, aber ich würde vermuten, dass die Indie-Labels den Künstlern eher entgegenkommen und dass es auch weniger „generelle“ Regeln gibt als bei den Majors, also mehr Verhandlungsfreiheit besteht. Aber dass eine Band bei mehreren Labels gleichzeitig unterschreibt, kann ich mir schwer vorstellen.

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