Die Single-Börse

Einem Musiker mögen alle Stücke am Herz liegen, aber ein Label braucht Singles. Schon wenn der frisch gesignte Künstler mit seinem Material ankommt, werden konkret die potentiellen Single-Kandidaten gesichtet. Und am besten wäre es doch, wenn das Album komplett aus Singles bestehen würde. Von Konzeptalben und einem Gesamtbild will erst einmal kaum einer was wissen.

Denn die Single ist das Zugpferd des Albums. Sie soll im Radio laufen. Möglichst auch im Fernsehen. Wer die Single gut findet, wird im Allgemeinen auch das Album kaufen. In der Hoffnung, dass auf dem Album weitere ähnlich gute Songs sind. Und da die Medien gewisse Ansprüche an Singles haben, muss der Song diesen genügen: Es muss eine einprägsame „Hook“ geben. Das ist der Teil des Liedes, meistens im Refrain, der einem stundenlang im Kopf herumgeht. Der Text sollte politisch unbedenklich sein. Liebe ist immer ein gutes Thema. Und die Single darf auf keinen Fall länger als 3 Minuten und 30 Sekunden lang sein. Sonst spielt sie kein Radiosender. Zusammengefasst: Die Single muss für den Mainstream leicht verdaulich sein.

Vielen Musikern läuft das verständlicherweise zuwider. Denn erstens will man sich nur ungern etwas über die Art und Weise sagen lassen, wie die eigenen Songs zu klingen haben. Und zweitens fällt das Anbiedern beim Mainstream doch sehr schwer. Lasst uns unsere Musik machen, wie wir wollen. Das Promoten ist eure Sache! Und genau darin liegt der Konflikt zwischen den meisten Künstlern und ihren Labels.

Denn gibt es diese Single nicht im Repertoire des Künstlers, wird diskutiert und diskutiert. Der Künstler wird immer wieder zurück ins Studio geschickt, bis er mit „der Single“ zurückkommt. Das Problem ist nur, dass, was eine Single ist und was nicht, sehr subjektiv ist. Und da in der Entscheidung unter anderem der A&R, der Produktmanager, der Produzent, der Manager und womöglich noch der Booker (auch schon gesehen) involviert sind, kann der Prozess sehr lange dauern. Denn es reicht, dass nur einer sagt: „Das ist keine Single.“ Dann werden alle anderen auch umschwenken. Der Künstler muss also eine absolut sichere Single liefern, bei der alle ausnahmslos sagen, „Wow! Das ist die Hammer-Single!“ Für den unerfahrenen Newcomer heißt das: Glück haben. Und da Glück selten ist, bluten die meisten Künstler doch eher aus, bevor sie mit einem Song das Single-Kommittee überzeugen.

Meine Erfahrung ist die, dass diejenigen, die sich konsequent beim Mainstream anbiedern, oft so belanglose Musik machen, dass sie niemandem auffällt. Ich kenne Bands, die hatten große Radiohits (Top 10 Airplay-Charts) und sind trotzdem völlig unbekannt. Hier rein, da raus. Die erfolgreichen Bands sind letztendlich doch die, die im Rahmen ihres eigenen Stils Singles liefern können. Aber auch diese Bands mussten erst einmal unglaublich kämpfen, um jeden davon zu überzeugen.

Im Rahmen der fallenden CD-Verkaufszahlen und der steigenden Musik-Downloads spielt das Album an sich keine so große Rolle mehr. Interessenten besorgen sich einfach das eine Stück, das ihnen gefällt. Ich denke, dass das die Single umso wichtiger macht. Jeder Song auf einem Album muss nun für sich stark sein. Mit Füllmaterial wird man wohl nicht weit kommen.

Hier zwei Videos zum Thema:

Die Doku von Tom Albrecht

Sara Bareilles – Love Song
(Vielleicht bin’s nur ich, aber aus meiner Sicht dreht sich der Song um die Plattenfirma, die ihr vorschreibt, ein Liebeslied zu schreiben.)

Die New York Times mit einer tollen Grafik über die Verkaufseinheiten verschiedener Medien

Ein Gedanke zu “Die Single-Börse

  1. „Im Rahmen der fallenden CD-Verkaufszahlen und der steigenden Musik-Downloads spielt das Album an sich keine so große Rolle mehr.“
    Das unterschreibe ich sofort! Und ich stelle fest, dass die lieben Kollegen sich praktisch gar keine Gedanken darüber machen, wie man die Entwicklung sinnvoll nutzen bzw. begleiten könnte. Es wird nur das ewige Mantra wiederholt „Du musst ein Album haben musst ein Album haben musst ein Album haben“.

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