Das Berlin-Syndrom

Vor kurzem habe ich mich mit einem befreundeten Musiker über unsere Erfahrungen mit den Menschen in der Musikbranche unterhalten. Ich habe in diesem Blog schon mehrfach über Schaumschläger und Möchtegern-Profis, über unzuverlässige Musiker und über die Praxis der Industrie gesprochen, die Künstler willkürlich temporär oder permanent auf Eis zu legen. Es folgen Artikel über die gängige Praxis des Lügens und diverse andere Ungepflogenheiten, die hier aber zum guten Ton gehören. Ich frage mich immer: Warum ist das so?

Zunächst die Frage: Ist es vielleicht sogar überall so? Das kann ich klar verneinen. Ich habe schon mehr als nur die Musikbranche kennengelernt. Es gibt glücklicherweise viele Industrien, in denen Menschen mit diesen Angewohnheiten nicht weit kommen. Die Musikbranche ist trotzdem nicht die enizige solche Branche. Ähnliches kann man zum Beispiel in der Filmbranche und in der Fotobranche erleben. Wenn Kreativität auf Kommerz trifft und insbesondere die Zugangsschranke sehr niedrig ist. Ich kann keine Herztransplantation durchführen ohne jahrelangem Studium und der nötigen Praxis. Aber ich kann sehr wohl Produktmanager und womöglich CEO eines Major Labels werden, ohne eine Ausbildung in Management, im Marketing oder Ähnliches vorzuweisen. Jeder kann sich Bandmanager, Booker oder Promoter nennen.

Lautet die Frage also etwa: Habe ich Pech gehabt und bin immer an die falschen Personen geraten? Bin ich womöglich selbst Schuld daran, weil ich zu inkonsequent war in meiner Auswahl? Nach all diesen Jahren und unzähligen Gesprächen mit anderen Musikern kann ich das auch verneinen. Wir haben alle dieselbe Erfahrung gemacht. Selbst erfolgreiche Bands kämpfen mit diesem Problem. Es dauert oft Jahre, bis man das Team zusammengestellt hat, auf das man sich verlassen kann.

Der oben genannte befreundete Musiker hat seine eigene Erklärung: Das Berlin-Syndrom. Jeder will überall dabei sein und sich alle Optionen offen halten. Dabei verzichtet man aber auch auf klare Ansagen bzw. Absagen. Im Notfall geht man einfach nicht mehr ans Telefon. Ich bin noch nicht sicher, ob ich zustimme. Ich habe wahrscheinlich zu wenig Erfahrungen mit der Musikbranche außerhalb Berlins. Aber diese Einstellung kenne ich sehr wohl. Die Singles von Berlin – und davon gibt es hier viele – können ausführlich davon berichten. Man lernt jemanden kennen, und es gibt deutliche Zeichen des Interesses. Aber auf ein klares Commitment oder etwa eine klare Absage wird man ewig warten. Es ist für den Moment alles ganz gut, aber es könnte ja immer noch jemand Besseres kommen. In den richtigen Bezirken kann man diesen Besseren bzw. diese Bessere ja auch permanent auf der Straße sehen.

Wie seht Ihr das? Warum kann man nur sehr wenigen Menschen in dieser Branche sein absolutes Vertrauen schenken? Gibt es regionale Unterschiede?

5 Gedanken zu “Das Berlin-Syndrom

  1. Oh weh… die unzuverlässigen Leute, da kann ich ein Liedchen von singen😯

    Bezeichnend ist, daß als Faustregel wohl gilt, je besser desto unzuverlässiger. Das spricht für Deine Theorie „alle Optionen offenhalten“.

    Allerdings habe ich auch noch eine andere Theorie: Kiffen macht gleichgültig😉
    Und das ist denke ich in der kreativen Branche durchaus ein Problem (es muß nicht unbedingt Gras sein, andere Drogen tun es auch)…

    Mir persönlich ist es egal, ob einer *mal* ne Tüte raucht (oder anderes). Aber mit solchen Leuten muß ich nicht zusammenarbeiten und die Erfahrung zeigt einfach, daß diese Leute chronisch unzuverlässig sind….

    • interessant. unter den musikern in meinem umfeld kann ich sicher einen zusammenhang zum kiffen sehen. unter den leuten in der industrie, also den major labels, den produzenten, den bookern usw. eher nicht. die haben kaum gekifft. könnte für manche trotzdem eine erklärung sein.

  2. Was echt schlimm ist das viele leute heutzutage wissen, dass es im Musikbussiness nicht gut leuft,also keiner will mehr jemanden Promote früher war das nicht so,da hieß es „Was du machst Musik? Geil! Klar hört sich geil an ich Promote daß“
    Es ist wirklich alles sehr schlecht aber ich mache weiter weil ohne die Musik nicht kann obwohl ich echt viel Geld investiere ok nicht soviel was ich von anderen höre da ich selber schreibe usw

  3. Tol auf den Punkt gebracht… ich habe den leisen Verdacht, der Verfasser hat mit mir gesporochen🙂

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