Musik auf deutschen Radiosendern

Das Radio läuft in Büros, auf Baustellen, nebenher beim Bügeln, in Autos, in Supermärkten und Modegeschäften. Nur wenige schalten das Radio ein, um neue Musik zu entdecken. Den meisten geht es mehr um die Hintergrundbeschallung, das wohlige Gefühl bei Tätigkeiten, die wenig Konzentration abverlangen. Das Radio ist der Soundtrack zum Alltag.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich Radiosender wenig darum scheren, ob es neue Bands gibt, die gehört werden wollen. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen man neuartige Musik spielte, weil der Musikredakteur sie entdeckt hat und für gut befand. Heute heißt es in Deutschland: „Wir spielen die größten Hits der 80er, 90er und von heute!“

Das nennt sich „Formatradio“. Das Ziel ist es, Geld mit Werbeeinnahmen zu verdienen. Anhand der gewünschten Werber definiert man seine Zielgruppe. Und anhand der Zielgruppe wird die Musik ausgewählt. Das funktioniert so: Der Radiosender engagiert ein Marktforschungsunternehmen, das die Zielgruppe anruft und ihr übers Telefon ein paar Sekunden eines Songs vorspielt. Der Angerufene darf nun sagen, wie ihm das Stück gefällt. Aus all diesen Anrufen ergibt sich eine ganz klare Vorgabe für den Sender, zum Beispiel: 50% 80er/90er-Hits, 30% aktueller Softrock aus den Charts, 15% aktuelle Pop-Balladen, 5% Newcomer. Unter den Newcomern wird weiter differenziert: 3% amerikanische Newcomer Pop, 1% deutsche Newcomer Pop englischsprachig, 1% deutsche Newcomer Ballade deutschsprachig mit weiblicher Stimme. Alles, was da nicht reinpasst, wird nicht gespielt. Selbst wenn der Musikredakteur anderer Meinung ist.

Hat man ein neues Stück eine Weile gespielt, wird es auch vom Marktforschungsunternehmen getestet. Schneidet es bei den Tests schlecht ab, wird es nicht mehr gespielt. Hat hier eine Newcomer-Band zum Beispiel das Glück gehabt, kurzzeitig etwas Airplay zu bekommen, kann es ganz schnell vorbei sein, wenn die Tests schlecht ausfallen. Und zwar auch in Zukunft bei der nächsten Single, denn man wird sich kaum noch trauen, die Band noch einmal zu spielen, auch nicht mit einem anderen Song.

Neue Musik schneidet im Allgemeinen immer schlechter ab als die alten Klassiker, daher auch der niedrige Anteil. Deutschsprachige Musik schneidet im Vergleich zu englischsprachiger Musik schlechter ab. Es gibt angeblich Studien, die belegen, dass der Zuhörer gesprochene Beiträge als länger bewertet, wenn danach ein deutschsprachiger Song läuft. Deutschsprachige Musik stört. Und so kommt es, dass in Deutschlands Radios vorwiegend Phil Collins und Tina Turner läuft. Die Hörer wollen nichts anderes. Leider.

Natürlich gibt es auch ein paar innovativere Sender wie z.B. Eins Live (NRW), Das Ding (Baden-Württemberg), Radio Fritz und Radio Eins (Berlin) usw. Zum Glück. Denn oftmals sind es diese Sender, die Newcomer etablieren, bevor die anderen Radiosender einsteigen. Manche dieser Sender haben aber auch finanzielle Probleme und wir können nur alle hoffen, dass sie bestehen bleiben.

Wer sich über Trends in der Radionutzung informieren will, findet hinter diesem Link die entsprechenden Studien.

5 Gedanken zu “Musik auf deutschen Radiosendern

  1. Interessantes statement von dir. wusste garnicht das das so abläuft und hatte – bei aller realitätsnähe – bisher noch immer die hoffnung dass die musik von musikredakteuren quasi „frei schnauze“ zusammengestellt wird, unter einfluss des derzeitigen „mainstreams“ oder eben des gewünschten genres (rocksender = rock, klassik-sender = klassik uswuswusw)

    wenn es so ist wie du sagst ist das bitter. bitter, weil die musik im radio dann nicht nur überwiegend langweilig, sondern eben auch noch semi-manipulativ eingesetzt wird.weil es neue „sachen“ damit schwer haben wenn sie nicht dem „mainstream“ entsprechen, ohne jemals die chance gehabt zu haben die „massentauglichkeit“ unter beweis zu stellen. krank.wirklich krank.am ende sind wir – bzw die befragten verbraucher – auch noch SELBST schuld das radio auf den standardsendern so langweilig ist!was für ein verhängnisvoller zusammenhang.danke fürs „bloggen“. + beste grüsse

  2. Zwar schon alt, aber ich hinterlass mal nen Komment: Guter Job. So 100% war mir das nicht klar, Formatradio schon allerdings. Natürlich machen das praktisch alle Sender (außer kleinere alternative weniger), deshalb überall die gleiche Suppe. Radio ist auch furchtbar geworden, jeder der wirkliches Interesse und Ahnung an guter Musik hat hält sich fern. Und wenn die Mainstream Musik so extrem eingeschränkt wird, dann klingt eben alles gleich, weil wenn du mit Innovativität keinen Erfolg haben kannst, passt du dich an. So siebt man alles was nicht bei 3 im Ohr ist aus. Glattbügeln, alles was aneckt wird ignorierert. Man wird für dumm verkauft. Genau wie im Fernsehen. Deshalb muss die Devise für den modernen denkenen Menschen sein: Eigene Gedanken machen, selber Musik, Serien, Filme suchen und nicht nur das fressen was einem Hingeworfen wird. Sonst bekommt man eine ganz arg beschränkte und kalt-kalkulierte Suppe serviert.

    Wobei ich anders als der Vorposter hier meine/unsere Schuld weniger sehe. Wie beim Fernsehen, wo die ominösen Quotenboxbesitzer entscheiden was die Masse geschaut hat, so entscheiden hier auch ein paar wenige Befragte über die gesamte Radioplaylist – und das allerdings prägt bzw. bestägigt dann den Massengeschmack, weil wir es ja anders nicht wollen. Danke für den Artikel, immer lobenswert wenn sich jemand Gedanken macht, selbst wenn sie dann erst 3 Jahre später gelesen werden, die Dinge klarer zu sehen was eigentlich hinter den Kulissen abläuft ist mir ein Anliegen, ich arbeite mich Stück für Stück vor, natürlich ist das Gefühl kein Erfreuliches, aber lieber ein schlechtes Bauchgefühl als blind gar nix fühlen.

  3. Von Musik kann da keine Rede sein: Schlecht oder gar nicht ausgebildete Sänger furzen zu Bumm-Bumm und Dipp-Dipp Gedöns dem Hörer was vor, das verletzt!

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